„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“

Auszug aus der Predigt vom Silvestergottesdienst in der Hohen Rhön von Heinz Spindler

Dieses Wort aus 1. Korinther 16, die Jahreslosung, ist schon eine gewaltige Herausforderung: „Alles was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Wenn man es aus dem Griechischen übersetzen würde, könnte man auch sagen: alles geschehe in einem Fest der Liebe. Alles, was ihr tut, das sei ein Fest der Liebe. Das ist schon etwas Gewaltiges.

Das ist noch ein bisschen mehr, noch ein bisschen kräftiger, tiefer natürlich, als wenn wir sagen: ja, geschehe halt aus Liebe. Es sei ein Fest der Liebe. Ein Fest hat ja auch etwas damit zu tun, dass es mir selbst Freude macht, dass es mir selbst auch wohl tut, dass es mich selbst auch aufbaut, wenn ich bei diesem Fest dabei sein darf. Und davon spricht der Apostel Paulus.

Ich habe bewusst diese Verse aus 2. Buch Mose 34,1-6 gewählt:

1 Und der HERR sprach zu Mose: Haue dir zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, dass ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen, welche du zerbrochen hast. 2 Und sei morgen bereit, dass du früh auf den Berg Sinai steigst und dort zu mir trittst auf dem Gipfel des Berges. 3 Und lass niemand mit dir hinaufsteigen; es soll auch niemand gesehen werden auf dem ganzen Berge. Auch kein Schaf und Rind lass weiden gegen diesen Berg hin. 4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm. Und er rief aus den Namen des HERRN. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.

Es geht darum, dass Mose wütend geworden ist mit diesen ganzen Pappnasen, die er da rausführen musste aus Ägypten. Das hat ihn sowas von genervt zum Schluss, wenn er diese ganzen Leute sah und so engstirnig, so bockig. Wer von euch hat schon sowas Großes erlebt? Keiner der Ägypter! Und dann benehmt ihr euch schlimmer noch als im Kindergarten. Wie Teenager, die gerade so heranwachsen und nicht so richtig wissen, wo hinten und vorne ist und wer sie eigentlich wirklich sind. Und es hat ihn so ärgerlich gemacht, das ganze Verhalten dieses Volkes, so dass er eben diese ersten Tafeln, die er empfangen hat, zerschlug. Das hat ihn so geärgert. Und dann sagt der lebendige Gott selbst zu ihm: „Schau mal Mose, ich möchte dich was lehren.“ Und ich glaube, das war nicht sinnlos, dass er die ersten Tafeln zerschlagen hat. Weil der lebendige Gott ihn selbst was lehrt. Und er lehrt ihn: „Schau mal Mose, wer du bist und wer ich bin. Wie du bist und wie ich bin. Und ich erkläre dir kurz Mose, wie ich bin. Und ich bin barmherzig, gnädig, geduldig und von großer Gnade und Treue.“ Und dieses Wort Gnade, das dort steht, ist die freundliche, gütige, trostvolle Zuneigung Gottes zu uns Menschen. Und der lebendige
Gott sagt zu Mose: „Schau mal, das bin ich.“ Der lebendige Gott sagt das aber auch nicht bloß einfach so in den luftleeren Raum hinein, sondern er sagt das auch dem Mose zu. Dem Mose, der in einem Umfeld lebte und mit Menschen zu tun hatte und auch mit sich selbst zu tun hatte. Genauso wie wir selbst es auch mit Menschen zu tun haben und mit uns selbst zu tun haben. Da war natürlich viel Bitterkeit und viel Ärger. Ich kann mir vorstellen, dass Mose dachte: „Meine Herren, ich habe mein ganzes Leben lang verwendet, nur um so ein Zeug zu erleben mit euch.“

Und dann begegnet ihm unser lebendiger Gott auf diese Art und erklärt ihm: „Schau mal, Mose, das bin ich. Und guck, Mose, die Leute werden wahrscheinlich später mal von dir sagen: Du bist echt ein absoluter Kracher gewesen im Reich Gottes.“ Also, wenn man einen Leiter sucht, dann muss man einen wie den Mose nehmen. Und der Mose würde heute antworten: „Nee, ihr müsst keinen wie mich nehmen oder schon einen wie mich, der aber absolut abhängig ist von dem, der diese Quelle dieser Barmherzigkeit, der Gnade und dieser großen Treue und dieser unglaublichen Geduld ist.“ Leben aus der Quelle!

Vor einigen Jahren war im „Fokus“ mal das Titelbild „Ich“: ein kleines Ich, ein mittelgroßes Ich und dann ein ganz großes Ich. Und so hat der „Fokus“ damals auf dem Titelbild die Gesellschaft beschrieben, in der wir leben und wir sind ja ein Teil davon. Eine Welt, die immer zorniger wird und immer mehr ich-bezogener. Aber wenn diese Gnade, diese Treue und diese Barmherzigkeit des ewigen Gottes das Zentrale ist, dann müssen wir Menschen sein, denen das Sinn macht, was Paulus den Korinthern sagt: „Seid wachsam.“

Dann können wir davon ausgehen, dass das Zentrale auch bekämpft wird. Es wird angegriffen. Der Geist dieser Welt will aus euch nicht noch barmherzigere Menschen machen, sondern der möchte aus euch unbarmherzige Menschen machen. Der möchte aus euch zornige Menschen machen, enttäuschte, untreue und ungnädige Menschen. Die Gottessache ist mittlerweile eine Sache des Stolzes, des Egoismus und der Erfolgsidee geworden. Der Apostel Paulus schreibt das nicht einfach nur so in die Heidenwelt hinein, sondern er schreibt es an Menschen, die ihr ganzes Leben lang nur damit zu kämpfen gehabt haben: Wer hat die Nase am weitesten vorne? Wer von uns ist der absolute Checker vom Lecker? Der Held vom Erdbeerfeld! Wer von uns ist der, der wirklich sagen kann: wo ich bin, da ist vorne? Das war ja ihr ganzes Leben gewesen.

Paulus wird es später im zweiten Korintherbrief schreiben und ihnen sagen: „Ich fürchte um euch, ich fürchte, dass der Teufel, wie die Eva verführt wurde, dass er euch auch verführen würde und euch von Jesus Christus und diese Quelle der Liebe wegführt. Und in etwas ganz anderes hinein, in dem er euch dann in Kämpfe verwickelt, in diesen Kampf des Vergleichens.“

Das war ja das Grundproblem der Korinther gewesen, dieser Vergleichskampf, dass sie geprahlt haben, der eine mit dieser Gabe, der andere mit jener Gabe. Der eine hat etwas von Petrus gehört, der andere etwas von Paulus, der andere etwas von Apollos. Sie waren nicht mehr davon geprägt, was Jesus sagte. „ . . . dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, weil daran die Welt erkennen wird, dass ihr meine Jünger seid.“ Das ist das Zentrale, was Jesus sagt. Die Welt wird nicht an eurer Performance erkennen, dass ihr meine Jünger seid, sondern an der Substanz, was euer Leben wirklich ausmacht, was die Quelle eures Lebens ist. Und das bedeutet: wenn ihr euch nicht untereinander liebt, dann erkennt die Welt auch, dass ihr nicht meine Jünger seid.

Wenn ihr sagt: Ich hab das selbst voll auf der Pfanne. Da brauche ich jetzt nicht noch jemanden, der mir das sagt. Dann ist das der Geist des Egoismus in dieser Welt. Das ist der Geist des Vergleiches, des Neids und der Vorbehalte. Und der Geist des Ich. Und das Ich verhindert ja manchmal zu hören. Es ist in unserer Ehe nichts anderes. Der Geist des Ich verhindert, auf den anderen zu hören. Ich habe ja schon was in meinen Gedanken. Und ich weiß ja eigentlich schon meine Antwort, die auch deine Antwort ist. Denn dann ist sie richtig. Der Apostel Paulus sagt den Leuten: „Schaut mal, wacht, steht fest im Glauben. Seid mannhaft. Seid stark.“ Wie denn? Der Apostel Paulus wird es nochmal im Epheserbrief erklären und wird den Leuten sagen: ,,Seid stark in dem Herrn. Weil er die Quelle dieser Liebe ist. Er ist die Quelle der Treue. Er ist die Quelle der Gnade. Er! Seid stark in ihm. In ihm! In ihm! Seid in ihm gewurzelt.“ Wie wird es denn deutlich, dass ihr in Christus gewurzelt seid? Daran, dass ihr diese Sehnsucht nach diesem Fest der Liebe habt. Der Apostel Petrus wird es einmal so ausdrücken: „Vor allem habt innige Liebe untereinander. Vor allem! Ihr wisst alle irgendetwas anders. Und alle habt ihr eure Schwerpunkte. Aber vor allem habt innige Liebe untereinander.“

Und da ist auch wieder dieses Wort, dieses Agape-Wort, diese irrationale, selbstgebende Liebe. Die nur gibt und nicht fordert. Vor allem habt das untereinander. Jesus wird einmal zur Gemeinde in Ephesus sagen: „Ihr habt die falschen Propheten entlarvt. Ihr habt alles theologisch richtig gemacht. Aber ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlassen hast. Das habe ich wider dich.“ Und deswegen sagt der Apostel Petrus: „Leute, vor allem habt innige Liebe untereinander. Denn die Liebe wird eine Menge von Sünden bedecken. Es ist so. Die wird sich nicht an allem stoßen.“ Und das ist der Gedanke, den der Apostel Paulus eben sagt zu diesen Korinthern: „Lasst alles bei euch in Liebe geschehen.“

Dietrich Bonhoeffer hat mal gesagt: „Betrachtet den Menschen, der zu dir in Opposition steht, immer als eine Art Sparrings-Partner Gottes für dich, für dein Glaubensleben.“ Das fand ich spannend, dass es ein Mann schrieb, der im dritten Reich ins KZ musste. „Betrachte diese Menschen nicht als deine Feinde, sondern betrachte sie als ein Werkzeug Gottes in deinem Leben.“ Und praktisch, wie es Bonhoeffer ausdrückte, wie so ein Boxer, der an seiner Technik feilt und an seinem Durchhaltevermögen übt.

Das fand ich auch extrem tief, weil ich eigentlich diese Menschen gerne aus meinem Leben raushaben will. Bevor ich das las, habe ich nie zu irgendjemandem, der mir ständig auf die Füße trat, gesagt. „Danke, Jesus!“ Wir haben nur gesagt, wie der Schwabe es ausdrückt: es wäre extrem schick, wenn die Person nicht mehr irgendwas mit mir zu tun hätte.

Es steckt in Gottes ewigem, souveränem Plan drin, damit wir vertieft werden in diese Liebe und nur noch diese Quelle suchen. Und die Quelle nicht irgendwo suchen, sondern tatsächlich alleine in Christus. Und eben letztendlich auch merken, wir können das gar nicht. „Wir brauchen dich, Jesus.“ So wie der lebendige Gott dem Mose in Liebe letztendlich eine Liebeslektion gegeben hat: „Schau mal, Mose, du kannst es nicht. Du entmutigst mich. Und ich erkläre dir aus lauter Liebe, wer ich bin und wie ich bin. Auf der einen Seite hast du mich so erlebt, natürlich als den Gott, der das Volk aus Ägypten geführt hat. Seine Charakterzüge sind wie folgend, Mose: barmherzig, gnädig und geduldig und von großer Gnade.“

Diese Charakterzüge Gottes werden bekämpft vom Geist dieser Welt. Es werden demnächst Sachen auf uns warten, die uns wegziehen wollen. Es beginnt schon mit der Benzinpreiserhöhung kommendes Jahr. Und es beginnt mit der Heizkostenabrechnung und mit der Wasserabrechnung und mit der Elektroabrechnung. Und dann merken wir schon, wenn wir an den Tankstellen vorbeifahren und sagen: „Ah nee, die Politiker.“ Wir merken, wie es hochkocht.

Als Geschwister untereinander, als Jesusmenschen, sind wir wie das Volk Gottes, das aus Ägypten herausgeführt wurde, aus der Sklaverei, aus dem Land der Lieblosigkeit, aus dem Land des Zornes, aus dem Land der Bitterkeit. Ihr seid nicht herausgeführt worden, damit ihr dann miteinander lieblos und zornig und ärgerlich umgeht. Sondern ihr seid herausgeführt worden, damit die Welt an euch die Wohltaten Gottes erkennen darf. Menschen zu sein, die wirklich angeschlossen sind an diese Quelle des Lebens, diese Quelle der Gnade, diese Quelle der Barmherzigkeit, diese Quelle der Treue.

Das ist, glaube ich, in diesen Zeiten, in denen wir leben, eine große Herausforderung für die Gemeinde Jesu, aber auch eine große Berufung. Wir sehen es immer als eine riesige Herausforderung, aber es ist eine große Berufung.

Es sind trotzdem Gottes Liebeszeiten mit unserem Leben, wenn wir merken: Wir können es nicht! Und es ist Gottes liebevolle Einladung an uns, wie damals an Mose: „Mose, dann hör doch auf, das ständig selbst zu probieren. Wie oft möchtest du denn noch feststellen, dass du es nicht kannst? Dann lass dich ganz hinein fallen in meine Gnade.“ Alles, was geschieht, soll in Liebe geschehen. Jemand sagte mal, Liebe ohne Wahrheit sei Lüge. Und diese Liebe meint Paulus nicht. Aber Wahrheit ohne Liebe ist zerstörerisch und Gift. Es geht darum, tatsächlich in der Wahrheit und in dieser Liebe zu leben. Und aus dieser Liebe heraus auch die Wahrheit zu vertreten und in der Wahrheit zu leben. Nicht in der Bitterkeit und nicht im Zorn. Paulus sagt: „Leute, das was ihr sagt und was ihr tut, das soll in Liebe geschehen.“

Mark Thomas hat mir mal bei den Fackelträgern gesagt: „Wenn er aus deinem Mund oder deinem Gesicht keine Liebe erkennen kann, dann halt besser den Mund.“ Und das habe ich so mitgenommen. Diese Aussage fand ich gut und ich habe sie mir gemerkt. Tags darauf ging ich in ein Rotkreuzheim und wir wollten Kinderstunde anbieten für kranke Kinder. Die Sozialarbeiterin dort war eine Deutsche, aber sie hatte einen muslimischen Nachnamen und ich habe mich erkundigt. Sie war geschieden und hatte dann einen Muslim geheiratet. Und so bin ich mit einem Vorbehalt da reingegangen. Da war schon alles klar. Und dann saß ich da und habe der Frau gesagt, wir möchten gerne Kinderstunde anbieten für diese Kinder. Und dann sagt die Frau zu mir, ich habe nur auf diese Antwort gewartet: Wir wollen hier keine Mission. Und dann war ich sofort bereit loszuschießen. Und plötzlich saß ich dort und habe mich an das Wort erinnert. Nicht ich, sondern Christus hat mich an dieses Wort erinnert. „Wenn man aus deinen Lippen keine Liebe hört, dann halte den Mund.“ Und ich saß dann dort und dachte: Herr Jesus, dann halte ich jetzt den Mund. Aber was soll jetzt rauskommen? Und dann habe ich meine Lippen geöffnet und sagte dieser Frau: „Wir möchten auch nicht missionieren. Wir möchten den Kindern gerne das Evangelium von Jesus vorstellen.“ Und die Frau sagte mir, das sei eine gute Idee. Sie hat ein Bild gehabt von Missionaren. Was man halt so hat, eben dieses Drängerische.

Und daraus ist über 10 Jahre lang eine wunderschöne Geschichte entstanden. Mit diesen Familien, mit den Kindern. Uns sind Kinder einfach in die Hände gedrückt worden von den muslimischen Müttern. Niemand hat sich aufgeregt. Viele haben sich gefreut, wenn die Kinder nach Hause kamen und Jesuslieder sangen in den Gängen von ihrem Übergangswohnheim. Und das war mir auch so ein Bild. Geneigt zum Streiten bin ich gerne in meinem Herzen. Aber der Herr Jesus ist geneigt zum Lieben.

Der Herr hat Lust an der Gnade. Das ist unser Gott, dem wir dienen und folgen dürfen. Und der uns einlädt, daran zu denken: „Ich lebe in dir und du in mir. Und du musst es nicht aus dir herauspressen. Es ist dieses Bild von der Frucht: das kommt automatisch, wenn du in mir bleibst.“ Und das bedeutet dann auch für mich zu sagen: „Herr Jesus, manchmal weiß ich gar nicht, was es bedeutet, in dir zu bleiben. Ich weiß nur, was die Frucht davon wäre, wenn ich in dir bliebe.“

Und die Frucht in dem Fall ist diese Liebe. Ein Fest der Liebe. Die Liebe Jesu feiern. Und dazu sind wir eingeladen im kommenden Jahr, das auf uns wartet. Und auch andere mit einzuladen. Nicht durch große Streitgespräche, einfach nur durch ein Herz, das in Jesus und Jesus darin ist. „Aus dem heraus, Mose, möchte ich dich gerne einladen, dass du das lernen darfst in deinem Leben. Und wer dich einlädt, das zu lernen, der lehrt dich das auch gerne.“ Amen.

Heinz Spindler heiratete 1985 Ute und hat drei erwachsene Kinder. Spindlers arbeiten für eine mittelständische Firma in der fränkischen Schweiz. Hier ist er verantwortlich für Personalentwicklung. Weiter widmen sich Spindlers Predigtdiensten und der Betreuung ihrer Kontakte in Serbien.