Als die Zeit erfüllt war ...

von Gerhard Jahreiß

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“

Galater 4,4-7

Die Bibel ist in ihrer Gesamtheit für mich das Wort Gottes, wie es in einzigartiger Weise in den ersten Versen des Johannesevangeliums zum Ausdruck kommt.

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott,“ (Johannes 1,1)

In den folgenden Versen wird dann beschrieben, wie dieses von Ewigkeit zu Ewigkeit gültige Wort in Jesus Christus Mensch geworden ist.

Das feiern wir an Weihnachten in besonderer Weise, aber das ganze Kirchenjahr hindurch werden wir erinnert an das Heilsangebot Gottes und ermutigt, wie diese frohe Botschaft auch unsere Lebensjahre durchdringen möchte. Das gilt uns ganz persönlich in guten und schweren Tagen, in allen Lebensbereichen und Herausforderungen, in denen wir stehen.

Wenn in der Geschichte der Kirche dieses Wort des Lebens vom Staat, mancherlei Ideologien oder auch aus der Kirche selbst angegriffen wurde, gab es als Reaktion darauf oft theologische Zeugnisse, die zur Umkehr und neuer Hinwendung zur biblischen Wahrheit aufgerufen haben. So. z.B. in der Reformation oder zum Beginn des „Dritten Reiches“ im Jahr 1934 in der sogenannten „Barmer Erklärung“. Der Irrweg der nationalsozialistischen Bewegung wurde dort schon früh erkannt und in der ersten These stellten die im Wort Gottes gegründeten Theologen das Wesen der biblischen Botschaft klar heraus. „Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Neben diesen Ereignissen der Kirchengeschichte, die natürlich auch ganz konkret in das Leben der Christenheit damals und auch heute hineingesprochen haben, trifft uns manches Bibelwort ganz persönlich und rührt uns in besonderer Weise an. Dazu gehört für mich der Vers 4 aus dem 4. Kapitel des Galaterbriefes.

„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“

Galater 4,4

In den tausenden Gottesdiensten, in denen ich Gottes Wort verkündigen durfte, verbinde ich diesen Vers natürlich mit der adventlichen und weihnachtlichen Zeit. Die alten und neuen weihnachtlichen Choräle kommen mir in den Sinn:

„Seht die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde“, „Die Völker haben dein geharrt, bis dass die Zeit erfüllet ward“ (EKG 42,2).

In diesem Vers kommt die sehnsüchtige Erwartung des Volkes Israel zum Ausdruck auf den kommenden Messias. Und die Freude darüber erschallt in einem unserer bekanntesten Weihnachtslieder:

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ (EKG 44,1f).

Gott hatte seinen Rettungsplan für die Menschheit in einem konkreten Zeitpunkt der Weltgeschichte durch die Geburt Jesu begonnen, „Welt ging verloren, Christ ist geboren“. Im Rückblick erkennen wir heute wie es eine „Punktlandung“ war, denn die einheitliche Sprache und das gute Wegenetz im damaligen römischen Reich ermöglichten es, dass diese Botschaft schon dreißig Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung fast die ganze damals bekannte Welt erreichen konnte.

In dieser erfüllten Zeit sind wir nun als Menschen unterwegs mit unserer individuellen Lebenszeit, Arbeitszeit, Freizeit, Zeit mit der Familie und Freunden, aber für manche auch einsame Zeiten, gefährliche Zeiten und gerade in diesen Zeiten sehen wir vermehrt erschreckende und berührende Bilder von unterernährten Kindern, Menschen auf der Flucht oder auf den überlasteten Intensivstationen der Krankenhäuser. Haben da die christlichen Liederdichter geirrt, wenn sie schreiben

„Nun soll es werden Frieden auf Erden…“ (EKG 48,3)

Gewiss nicht. Denn zum einen sehen sie mit der Geburt Jesu, dem Friedensbringer, die Zeit kommen, in der sich das erfüllt, was schon die Propheten des alten Testaments verkündet haben:

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst“ (Jes.9,6).

Wenn wir dann das Kapitel 21 der Offenbarung des Johannes lesen, dürfen wir schon heute einen Blick in die Realität der kommenden neuen Welt Gottes werfen, in der Jesus mit seinen Nachfolgern regiert. Mitten hinein in eine Zeit und Welt, die weder während der Geburt Jesu, noch in der Zeit bis heute eine friedvolle war und ist. Und dennoch darf ein jeder wissen, der diesen Friedenskönig in sein Leben einlädt, dass ihm dieser Friede im Jetzt und Heute gilt, wie es der Apostel Paulus im Römerbrief so treffend beschreibt:

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“

Römer 5,1

Das sind nicht die überspannten Wünsche von Menschen, die nicht mehr mit dieser Welt klarkommen und sich deshalb in ein seliges Jenseits flüchten, sondern es sind die letztgültigen Realitäten, auf die wir zugehen. Jesus verspricht uns, dass wir Bürger und Erben dieser neuen Welt Gottes sein werden, wenn wir schon heute auf sein rettendes Angebot eingehen.

Noch sind wir unterwegs in dieser Welt und so drängt uns die weihnachtliche Botschaft dazu, die erfahrene Barmherzigkeit Gottes weiterzugeben in Wort und Tat. Von den Hirten, die als erste dem Kind in der Krippe begegnet sind, hören wir.

„Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“

Lukas 2,17

Die rettende Botschaft „auszubreiten“ in allen Lebens- und Verantwortungsbereichen, in die wir hineingestellt sind, wird dann auch uns zum Lebensstil. Es geht nicht darum, dass wir Zeugnis geben „müssen“, sondern Christus in uns, mit uns und durch uns befähigt, ermutigt und begeistert uns dazu. „Gemeinde mit Vision, vor Ort und weltweit“, das war unser Gemeindelogo. Der Blick auf meinen Nächsten, da wo ich lebe und der Einsatz mit den mir anvertrauten Gaben, der geschenkten Zeit und meinen finanziellen Möglichkeiten wird uns dann ebenfalls zum Herzensanliegen, denn,

„Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm…“ (EKG 23,6).

Als ich vor vierzig Jahren meinen Dienst als junger Pfarrer hier in der Rhön angetreten habe, dachte ich mir, nach dem ersten Jahr wird mir das zur Routine, wenn sich die immer gleichen Abläufe des Kirchenjahres fortlaufend wiederholen. Das Gegenteil ist eingetreten und je älter ich werde, desto mehr kann ich nur staunen über diese großartigste Botschaft der Weltgeschichte, Gott wird Mensch und kommt durch Jesus in unsere Welt damals und auch in unsere persönliche Lebensgeschichte heute.

„Geboren von einer Frau“, so heißt es in dem oben genannten Vers aus dem Galaterbrief. Da werde ich an die Geburt unserer sieben Kinder erinnert, Bei sechs von ihnen konnte ich live dabei sein. Was für ein Erlebnis, wenn ein neuer Hoffnungsträger der Schöpfung Gottes in diese Welt kommt. Wenn wir dann als Familien mit unseren Kindern auf ihrem Weg ins Leben unterwegs sind, werden wir mit den verschiedensten Herausforderungen konfrontiert.

Für manche sind es gesundheitliche Probleme, Ärger während der Schullaufbahn, in der unsere Kinder, nicht immer auf berufene und zugewandte Pädagogen treffen, rebellierende Kinder die in ihrem Selbstfindungsprozess erst einmal die Werte ihrer Eltern kritisch in Frage stellen.

Ob in eigener Betroffenheit oder in seelsorgerlichen Gesprächen mit besorgten Eltern wurde mir die einfache und doch so tiefgründige Botschaft eines unserer Weihnachtslieder deutlich, wenn es da heißt:

„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein` neuen Schein; es leucht` wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“ (EKG 23,4)

Dieses ewige Licht der Welt, Jesus der Sohn Gottes kommt in und zu dieser ganzen Welt und ganz konkret in mein Leben mit meinen Sorgen und ungeklärten Fragen. Wir haben als Christen das Vorrecht, schon in dieser Welt mit dem Schöpfer des Universums und unseres Lebens in Kontakt zu treten, ihm zu sagen, was uns bewegt und zu fragen, was wir nicht verstehen.

Dazu werden wir von ihm persönlich und seinen Boten ausdrücklich motiviert. Ob uns nun Jesus einlädt „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“ oder einer seiner Jünger uns erinnert „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ immer spricht Gottes Wort in unsere alltäglichen Herausforderungen hinein und ermutigt uns.

Dazu haben wir hier auf Erden den unschätzbaren Wert christlicher Gemeinschaft, auch wenn diese noch nicht vollkommen ist, so geht es doch zuerst um die Frage, was bin ich bereit einzubringen, damit sie ein Ort gelingender Beziehungen und Begegnungen wird. In mancher Verzagtheit meiner Lebensgeschichte konnte ich mich immer wieder an einen seelsorgerlichen Freund und Bruder im Glauben wenden, der mir immer geholfen hat die verlorene Vision für meinen Dienst oder meine persönlichen Lebensfragen wiederzuerlangen.

Dass wir in unserem Land noch das Vorrecht und die Freiheit haben, christliche Kongresse und Evangelisationen öffentlich auszurichten, war für meinen Dienst und unsere Gemeinden ebenfalls immer wieder ein Erlebnis der Freude und Ermutigung.

Ich erinnere mich z.B. noch gerne an das Adonia Konzert in der Stadthalle Mellrichstadt vor einigen Jahren. Es war begeisternd mitzuerleben, wie über siebzig junge Leute die Botschaft der biblischen Josefsberichte in einem Musical den Menschen nahegebracht haben.

Und nicht zu vergessen ist auch der Wert der christlichen Tagungsstätten in unserer Region und im ganzen Land. Auch hier stehen mir eine Fülle von glaubensstärkenden Erfahrungen und wohltuenden Begegnungen vor Augen.

Das Missio-Camp wurde von unseren Gemeinden über viele Jahre allabendlich mit dem Gemeindebus besucht, dadurch haben viele Kontakt zu den Gästehäusern Hohe Rhön bekommen und kamen wieder zu Vorträgen, Glaubensseminaren, Freizeiten und vielfältigen Begegnungen. Die Konfirmandenfreizeiten KonfiCrossWay zusammen mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern haben eine Dynamik, die wir aus eigenen Kräften so nicht bieten könnten.

Das alles und noch viel mehr ist die praktische Ausprägung dieser schlichten und doch unübertroffenen Botschaft „Das ewig Licht geht da herein….“. Eben da herein in alle Lebensbereiche von Ehe und Familie, Freizeit und Beruf, Fragen und Sorgen sowie auch Erfahrungen von Freude und wohltuenden Begegnungen. „Es leucht wohl mitten in der Nacht…“, das wusste schon Martin Luther, der diese Verse vor ca. 500 Jahren niedergeschrieben hat, das gilt heute und wir werden dieses Licht aus der Höhe in Zukunft mehr und mehr brauchen.

Über allem steht die feste Gewissheit, dass Jesus uns zu „des Lichtes Kinder macht,“ Das ist sein Angebot, dass wir schon heute durch die Gemeinschaft mit ihm zu den Bewohnern des kommenden Gottesreiches gehören. Einladungen kann man annehmen oder ablehnen. Das Ablehnen erfolgt meist, wenn wir nicht wissen, aus welchem Grund uns jemand einlädt. Ist es nur Berechnung, verspricht sich der Einladende einen Vorteil für sich aus dieser Begegnung?

Die Antwort gibt Martin Luther im letzten Vers unseres Liedes.

„Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit.“

Während ich diese Gedanken hier in den Gästehäusern Hohe Rhön niederschreibe, erleben wir es wieder, dass durch die rasante Ausbreitung des Corona-Virus fast alle geplanten Tagungen, Freizeiten und Seminare nicht stattfinden können. Auch hier wollen wir ganz konkret damit rechnen, dass das „ewig Licht“ in diese Situation hineinleuchtet.

Durch Gottes Hilfe und die praktische und finanzielle Hilfe unserer Freunde haben wir in der zurückliegenden Zeit soviel Ermutigung und Hilfe erlebt, dafür sagen wir herzlichen Dank an die himmlische und die vielen irdischen Adressen.

Wir sind gewiss, Jesus ist da und lässt uns nicht allein. Über alle Ungewissheit der kommenden Zeit steht dennoch die Gewissheit fest, die der himmlische Bote vor 2000 Jahren den Hirten in Bethlehem ausrichten ließ und die uns und der ganzen Welt gilt:

„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Lukas 2,10f

Pfarrer i.R. Gerhard Jahreiß

1. Vorsitzender CVJM Christl. Tagungsstätte HOHE RHÖN e.V.