Wer zu mir kommt ...

von Jerrit Andersen

Was sind deine ersten Gedanken, wenn du die ersten vier Worte der Jahreslosung liest?

Als ich sie das erste Mal gelesen habe, klang mir zum einen die Melodie des groovig, gospelartigen Kinderliedes „Wer zu mir kommt“ von Daniel Kallauch im Ohr.

Das liegt unter anderem daran, dass unsere drei Jungs die CD rauf und runter hören – täglich – und das Lied tatsächlich sehr eingängig ist. Zum anderen musste ich an etliche meiner letzten Nächte denken, die sich meist nach folgendem Muster abspielen. Vielleicht kommt dir das bekannt vor.

Es ist 1 Uhr in der Nacht. Ein Rascheln aus einem entfernten Zimmer lässt mein schlafendes Ohr aufhorchen. Wenige Augenblicke später höre ich leise Schritte den Flur entlang tapsen, die kurz darauf verstummen. Fragen gehen mir durch den Kopf. Wer kommt? Was treibt ihn zu mir? Was sucht er bei mir?

Ein Kissen in Pinguinform fliegt mir gegen meinen Kopf. Dann landet ein Pinguin-Stofftier neben mir. Anschließend erklimmt jemand unser Ehebett und lässt sich mit seiner Decke und seinem Schmusetuch neben mir auf das Pinguinkissen plumpsen und sagt mit verschmitztem Lächeln: „Hallo Papa.“ Ich begrüße unseren dreijährigen Sohn und ohne fragen zu müssen, warum er hier ist, drapiere ich ihn zwischen mich und meine Frau ins „Gräbele“ (Schwäbisch für die Mitte des Ehebetts) und versuche wieder einzuschlafen. Vorher schaue ich noch nach, ob meine Frau und unser Einjähriger noch schlafen. Ja, sie haben nichts mitbekommen. Manchmal spielt sich dasselbe Muster wenige Stunden später wieder ab, wenn unser Fünfjähriger auch in das volle Bett wechselt. Wenn auch er eingeschlafen ist, verlasse ich die Szene und lege mich auf eine Matratze im Kinderzimmer.

So sieht mein persönliches „Wer zu mir kommt…“ in vielen der letzten Nächte aus. Im Vergleich zum letzten Jahr fühlt sich das sogar etwas angenehmer an. Damals haben die beiden Großen mitten in der Nacht immer „Papa“ gerufen, bis ich ins Kinderzimmer kam und die Bedürfnisse des Rufenden gestillt habe. Immerhin kann ich jetzt liegen bleiben und sie kommen zu mir – wenn es mir dann nicht zu voll wird und ich wieder gehe.

Wenn ich das Leben von Jesus betrachte, kann ich eine gewisse Ähnlichkeit in der Entwicklung entdecken. Er kommt zu uns auf die Welt, wie ich damals zu meinen Kindern. Und wer weiß schon, wie viele Juden in unzähligen Nächten zu Gott nach dem Retter gerufen hatten. Denn erwartet war er.

Das zeigen uns die vielen Verheißungen, die wir im Alten Testament entdecken können.

„Siehe, Dein König kommt zu Dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

Sacharja 9,9b

Jetzt ist Jesus da, also in der Zeit, in der die Worte „Wer zu mir kommt …“ gesagt wurden. Nicht unbedingt im Bett liegend, aber für viele Juden in erreichbarer Nähe. Und sie kommen auch zu ihm. Am Anfang des Abschnittes, in dem die Jahreslosung steht, lesen wir in Vers 25, dass die Menschenmenge Jesus sucht und am anderen Ende des Sees fündig wird.

Die nehmen also nicht nur einen Gang durch den Flur auf sich, sondern eine halbe Tagesreise. Ob Jesus sich dann auch manchmal gefragt hat: Wer kommt? Was treibt ihn/sie zu mir? Was sucht er/sie bei mir? Lass uns doch mal gemeinsam in den Text schauen, was in dieser Geschichte die Antworten sind.

Wer kommt?

Vermeintlich satte Menschen. Am Vortag hatten die meisten der Kommenden die Speisung der 5.000 miterlebt. Nicht weniger als ein bemerkenswertes Wunder.

Die Sättigung – sowohl die körperliche als auch die geistige – hatte aber anscheinend nur kurz angehalten. Und so begegnet Jesus ihnen in Vers 26: „Ich weiß, weshalb ihr mich sucht: doch nur, weil ihr von mir Brot bekommen habt und satt geworden seid; nicht weil ihr verstanden hättet, was diese Wunder bedeuten!“

Autsch! Ganz schön direkt und konfrontativ. Aber damit schafft es Jesus, die Unterhaltung auf eine andere Ebene zu heben.

Was treibt sie zu Jesus?

In Vers 28 fragen sie Jesus: „Was sollen wir tun, um Gottes Willen zu erfüllen?“ Es treibt sie also nicht nur der wieder aufgekommene Hunger, sondern auch die gottesfürchtige Frage nach dem Willen Gottes zu ihm. Jesus antwortete auf die Frage in Vers 29 „Nur eins erwartet Gott von euch: Ihr sollt an den glauben, den er gesandt hat.“

Jesus schafft es also mit der Metapher des Brotes und des satt seins zu einem wesentlichen und unter der Oberfläche der persönlichen Bedürfnisse liegenden Thema zu kommen. Was ist das Ziel und der Sinn unseres Glaubens, unserer Religion und damit unseres ganzen Lebens? Glaubt an mich – weil ich der Gesandte bin. Und das reicht.

Das soll alles sein? Da fragten sie doch sicherheitshalber nochmals in Vers 30 und 31 nach: „Wenn wir an dich glauben sollen“, wandten sie ein, „musst du uns schon beweisen, dass du im Auftrag Gottes handelst!“

Kannst du nicht ein Wunder tun? Vielleicht so eines wie damals, als unsere Vorfahren in der Wüste jeden Tag Manna aßen? Es heißt doch in der Heiligen Schrift: „Er gab ihnen Brot vom Himmel“. Noch ein Wunder. Klar, wegen einem einzigen Wunder fassten sie wohl nicht so viel Vertrauen wie das Volk Israel, das damals 40 Jahre Manna in der Wüste erhielt und damit täglich Wunder erlebte. Oder doch nicht klar? Stellt sich doch die Frage:

Was suchen sie bei Jesus?

Soll Jesus auch ihnen 40 Jahre Brot vom Himmel geben? Oder besser, Vers 34: „Herr, gib uns jeden Tag dieses Brot!“. Drunter geht es wohl nicht. Aber Jesus will es ihnen geben.

Er will sich geben. Vers 35 „Ich bin das Brot des Lebens“, sagte Jesus zu ihnen. „Wer zu mir kommt, wird niemals wieder hungrig sein, und wer an mich glaubt, wird nie wieder Durst haben.“

Auch wenn sie diese Worte nicht sofort verstehen und darüber noch eine weitere Diskussion entsteht, wird klar, er knüpft es an eine Bedingung. „Wer zu mir kommt …“. Es geht um eine aktive Handlung, dass sie zu Jesus kommen. Allerdings ist es auch nicht mehr. Es müssen keine weiteren Eintrittsvoraussetzungen erfüllt werden. Er ist da und empfängt uns mit seinen offenen Armen voller Liebe.
Und das bestätigt er uns im Vers 37 mit der diesjährigen Jahreslosung:

„Alle Menschen, die mir der Vater gibt, werden zu mir kommen, und keinen von ihnen werde ich je abweisen."

Johannesevangelium 6,37

Wenn meine Kinder nachts kommen, wollen sie nichts zu essen. Aber sie verspüren sicher Hunger nach wohlig vertrauter Nähe der Eltern und nach dem warmen Schutz unseres Bettes. Das haben sie erfahren und wollen anscheinend mehr. Das wollen wir ihnen auch geben, auch wenn uns das einiges an Schlaf kostet.

Zum Ende will ich dich fragen, wie sehen die Antworten bei dir aus? Ich lade dich ein, dich einen Moment neben Jesus zu setzen. Dorthin, wo die Menschenmenge gerade saß. Du musst dafür nicht einen ganzen See absuchen oder erst noch durch die Wohnung schleichen. Er ist nur ein „Hallo Jesus“ entfernt. Und dann, wenn du da so sitzt, lass dir doch dieselben Fragen von Jesus im persönlichen Gespräch stellen.

Wer kommt? Wie sieht dein Sättigungsgefühl in unserer Beziehung aus?

Was treibt dich zu MIR? Wie geht es dir in deiner aktuellen Situation damit, mir vertrauensvoll zu glauben?

Was suchst du bei MIR? Du darfst mir jetzt sagen, was du gerade brauchst. Du darfst dir sicher sein, dass ich dich sehe und dich höre. Du darfst genauso bei mir sein, wie du dich gerade fühlst. Denn wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Nicht mal nachts um 1 Uhr.

 

Jerrit Andersen
2. Vorsitzender
CVJM Christliche Tagungsstätte HOHE RHÖN e.V.